Juneau
Konsequent weinen.

Das Prinzip dieser „Maßnahme“ dürfte euch sehr bekannt sein und doch scheut sich nahezu jeder davor: Weinen. Trauer zeigen, Tränen vergießen, Schmerz zulassen, … alles wirkt negativ daran.

Aber es hat eine sinnvolle Wirkung.

Simpel formuliert geht es um einen Behälter, der unter Druck steht. Wenn diesem Behältnis die Möglichkeit fehlt hin und wieder etwas vom Druck frei zu geben, explodiert es auf lang oder kurz und hinterlässt ein Chaos samt Zerstörung.

Gerade bist du dieser Behälter und der Druck, der sich in die aufbaut, sind die Emotionen die sich in die anstauen. Jene, die du wirklich gerne los werden würdest, aber sie scheinen nicht zu schwinden. Positiv denken und auftreten, das Lächeln, obwohl man gar nicht dieser Stimmung ist, usw. helfen durchaus, aber das Gebräu an Emotionen fließt dennoch über – auch wenn man immer mehr Gutes hinzufügt; schlechtes daraus muss gehen können, um Platz für den Rest zu lassen. Ein Abfluss, eben jener Druckabbau muss geschaffen werden.


Wenn der Druck zu stark wird.

Wie beim Behälter gibt es nur eine logische Konsequenz: Die Hülle bricht, eine Explosion naht. Was das auf den Menschen übertragen bedeutet, hast du sicherlich bereits erfahren. Urplötzlich und meist in einer unmöglichen Situation (mitten beim Einkauf, frisch am Arbeitsplatz, &hellip nehmen die angestauten Emotionen überhand – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Und dieser Flut kann man kaum mehr entgehen – sie ist unkontrolliert, schmerzhaft, gar unangenehm und wenig hilfreich, da man dies ja nun wirklich nicht wollte – und dann auch noch ggf. vor fremden Menschen, o.ä. – Natürlich kann dies auch passieren selbst wenn man Druck abbaut, aber das Risiko wird geringer und geringer.
Druckabbau.

Neben der Handlung einfach zu lachen, sollte man also auch einfach weinen. Wie üblich klingt es völlig kontrovers… aber es ist ebenso nützlich.

Wichtig hierbei ist, dass man sich einen groben Rahmen, eine Veränderung zum alltäglichen Ablauf schafft, innerhalb diesem man handelt. Musik beispielsweise hilft dabei sehr vielen, aber auch ein Spaziergang kann der Rahmen sein. Man könnte sich auch ein Bild zur Hand nehmen oder eine „spezielle“ Kerze anzünden, die man nur für dieses Vorhaben nutzt.

Und dann gilt nur eine Regel: Wenn du dich beruhigst, beendest du auch diese „Veränderung“.

Nach der melancholischen Playlist folgen also Songs, die dich immer in gute Stimmung gebracht haben. Die Tränen bleiben draußen vor der Haustür und werden nicht mit rein gebracht. Sobald man das Bild aus der Hand legt, legt man auch die Trauer dazu und wenn die Kerze ausgeblasen wird, pustet man auch die Tränen damit trocken. – Für die direkte Zeit danach, solltest du dir auch eine angenehme Beschäftigung suchen, die dich erheitert: Sei es ein Lieblingsspiel oder ein heimliches Tänzchen, irgendetwas, was dich beschäftigt und von dem du etwas hast.


Effekt.

Diese Handhabung dürfte anfangs sehr komisch wirken und die Angst ist groß, dass, wenn man einmal beginnt zu weinen, man schier nie wieder aufhören kann – aber genau das kannst du. Eben so wie du beschließen kannst JETZT ein Café zu besuchen und jederzeit wieder aufstehen und gehen kannst, kannst du auch deine Trauer bremsen, wenn du es möchtest. Du wirst sogar, wenn du dies so bewusst handhabst, an einen Punkt gelangen, an dem du einfach merkst, dass es nun reicht. Und man fühlt sich wirklich erleichtert danach. Befreit von einer Last, denn genau diese hast du wirklich verringert.

Der Effekt hält nun nicht für die nächsten 3 Jahre an, leider nicht. Es ist sogar möglich, dass dieser zu Beginn nur 1, 2 Tage anhält und du dann wieder das Gefühl bekommst zu platzen. Aber nach und nach wirst du kürzere „Tränenphasen“ benötigen, aber dafür längere „Erleichterungsphasen“ erhalten. Man sollte sich nun auch nicht schlecht fühlen, wenn zwischenzeitlich ein paar unbremsbare Tränen aufkommen – das passiert und ist menschlich – und ebenso sollte man nicht beim kleinsten Schluchzer sich gleich für 2 Stunden in eine Tränenphase stürzen. Diese Handhabung ist dafür da, wenn der Druck unerträglich wird und somit keine Alltagshandlung! Wer sich täglich ins Tränenmassaker stürzt, läuft eher Gefahr ständig zum Weinen zu tendieren, obwohl er gegenteiliges erhalten wollte – und ebenso erreichen sollte. Nun ist es schwer zu raten wie oft man es anwenden soll und man muss auch dazu sagen, dass es womöglich auch nicht für jeden was ist, aber das bisherige Feedback ist durchweg positiv. Immer öfter höre ich bereits: „Ich habe mich aktiv hingesetzt um zu weinen – das tat wirklich gut!“ und jene Menschen gehen im Anschluss auch mit den „Alltagstränen“ anders um: Sie akzeptieren diese, lassen sie einen Moment zu und folgen dann ihrem Alltag. Man fühlt sich den negativen Emotionen weit weniger ausgesetzt, man erhält einen Part Kontrolle zurück.

Häufigkeit.

Nun gut, grob möchte ich doch einen Hinweis geben, wie man es am Besten angeht. Wenn du bisher ständig deinen Kummer versucht hast runter zu schlucken und oft genug einfach in Tränen ausgebrochen bist, starte ruhig sehr zeitnah. – Aber immer nur, wenn du wirklich ausreichend Zeit hast! Wenn die Uhr 17 Uhr anzeigt und du um 19 Uhr verabredet bist, stehst du unter dem nächsten Druck… lieber also an vollständig freien Tagen anwenden. Und wenn du es das erste Mal getan hast, wird es eine Weile brauchen, um das gleiche „Drucklevel“ (unter normalen Umständen) zu erreichen. 5 Tage, 1 Woche sollte also mindestens vergehen – man achtet hier einfach sehr stark auf sich selbst: Ist es noch erträglich? Vllt. unangenehm, aber erträglich? – Wenn du beispielsweise Kopfschmerzen entwickelst, sollte die erste Tablette dagegen nicht gleich beim ersten minimalen Pochen genommen werden – besonders dann nicht, wenn Kopfschmerz etwas ist, was dich immer wieder trifft. Die Tablettenwirkung hilft sonst irgendwann nicht mehr. Ebenso verhält es sich mit dem Druckabbau. Nun sagte ich auch „unter normalen Umständen“:

Normale Umstände.

Dies bedeutet, dass der Alltag mehr oder weniger gut vorran geht, man diversen Erledigungen nachkommt, usw. Vom Ex-Partner und anderen potenziellen Aufregern wird kein Öl übermäßig ins Feuer gegossen. Es stört nur, dass der Ex nichts sagt, der Chef wieder unfreundlich war und die allgegenwärtige Erinnerung der Trennung, obendrauf war das Lieblingseis ausverkauft, …

Abnorme Umstände.

Wie es die Umschreibung bereits sagt: Etwas läuft anders und zwar auf heftige Weise. Zur Grundlage der Trauer (-> normaler Um-/Zustand) kommen nun plötzliche Zusatzbelastungen obendrauf: Den Job verloren, der Autounfall einer Freundin, das gestohlene Portemonnaie, der Ex hat eine/n Neue/n, es gab Streit, Krankheit, … eben etwas, was kein Alltagserlebnis ist und ohnehin schon eine starke Belastung bedeuten würde. Dies reißt einem ohnehin erstmal den Boden unter den Füßen weg und man wird toben und weinen und kreischen – außer Kontrolle geraten. Es ist vollkommen in Ordnung und absolut normal! Im Nachhinein, wenn der erste Sturm überstanden wurde, kann aber hier schon nach 2-3 Tagen nochmals zum aktiven Trauern gegriffen werden.


Hinweis.

Wer noch nie aktiv getrauert hat, wird sich wundern, was für Gedanken in einem ZUSÄTZLICH aufkommen. Man dachte womöglich seit Jahren kaum mehr an die verstorbene Großmutter, ist eigentlich darüber hinweg, aber hier, wenn man bewusst alles zulässt, können auch Tränen dieser Art sich hinzu mischen. Es sollte auch gar nicht nur um den Ex gehen oder die unerwünschte Situation – es geht um die gesamte Trauerarbeit und da gibt es leider sehr häufig einiges nach zu holen.


Als ich es beispielsweise das erste Mal anwendete, war mir nicht mal zum Weinen zu Mute – überhaupt nicht! Aber ich merkte, dass in mir einfach so viel an mir nagt, dass ich nur einen Gedanken hatte: Es muss raus! – Und so schaltete ich Musik ein, die mich immer in Trauerphasen begleitet hatte und zwang mich regelrecht zum Weinen. Oh und was ich da alles urplötzlich betrauerte… ich spürte wie automatisch Lücken im „Tränenlebenslauf“ auf und füllte sie nachträglich. Es ging um Momente, in denen ich durchaus hätte weinen sollen, mich aber – wie es natürlich immer wieder eingetrichtert wird – immer wieder beherrschte. Ich schluchzte und weinte mindestens 1h und dann? Wollte meine Playlist von vorne starten und ich merkte innerlich: Es reicht! – Legte andere Musik auf und fühlte mich innerlich leicht und frei. Meine letzte „Ich bin dann mal heulen“-Aktion ist grob 1 Monat her – was erlebe ich seit dem? Immer wieder Dinge, die mich bedrücken – sowas sammelt sich einfach an – oder auch Dinge, die mich treffen, berühren, … alles, was das Leben so hergibt. Aber ich spüre, dass mein Umgang damit wesentlich entspannter ist, da diese negativen Teilchen sich nicht stapeln, sondern etwas Raum gestattet bekommen; als würde ich sie ordentlich in einen Schrank räumen und nach und nach sortieren. Und wenn es doch mal zu viel werden sollte, weiß ich immer noch, wie ich mich regelrecht befreien kann – allein dieses Wissen und die Erinnerung an das gute Gefühl danach helfen mir schon sehr mit jedem Ansturm fertig zu werden.  

„Es gibt nichts Melancholischeres als eine Trauer, die man nicht tragen darf."

Eure Feli

14.1.14 10:54
 
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